Das ist zwar nicht im engeren Sinne eine Chili. Aber folgt man der Mär, dass unsere Paprikas nur Chilis sind, denen man die schöne Schärfe weggezüchtet und sie durch Selektion aufgepustet hat, dann ist die ungarische Apfelpaprika kurz vor Schluss nochmal rechtzeitig abgebogen.

Kennengelernt habe ich sie als kleiner Junge in den späten 80ern. In der DDR gab es einen guten Handels-Austausch mit Osteuropa. So kamen auch viele Sauerkonserven in unsere Ladenregale. Aus Ungarn gab es eine Marke „Globus“ mit sauer eingelegtem und in Gläsern eingewecktem Gemüse. Manchmal bekam man auch Apfelpaprika. Und wenn man ganz viel Glück hatte erwischte man ein scharfes Glas. Bei den „Globus“ Apfelpaprika wurde nicht nach Schärfegrad unterschieden. Es war eben Glückssache.

Angenehm bei den osteuropäischen Sauerkonserven war, daß es Sauerkonserven waren. In Westdeutschland gibt es ausschließlich Süßkonserven. Darüber lachen sogar die Franzosen, die sich mit Gewürzgurken sehr gut auskennen. 

Von den Schoten aus den aufgegessenen Gläsern hab ich mir dann immer die Samen getrocknet und in einer kleinen Tüte eingesteckt mit in die Schule genommen. Ein kleiner scharfer Genuss zum Lutschen während des Unterrichts. Da war ich wohl so etwa 10. Also Jahre alt. Nicht cm. Oder kg. Oder Personen.

Als mir in wehmütiger Erinnerung 30 Jahre nach der Wende der Appetit nach sauer eingelegten Apfelpaprika schwoll, entdeckte ich tatsächlich welche von Feinkost Dittmann. Leider sind die ungenießbar. Süß eingelegt wie Pfirsichkompott und überhaupt nicht scharf. Und ganz weich.

Nun ist das Internet aber ja ein „Hier-gibt’s-alles-Platz“, und tatsächlich gibt es auch Fachhändler, die noch die guten ungarischen Konserven importieren und versenden. Passt einfach auf, daß sie „scharf“ sind und höchstens 2,5 g Zucker pro 100 g enthalten. Dann sind sie richtig und genauso gut wie schon immer. Hierzulande bekommt man nichts unter 12 g Zucker igitt. Oder noch schlimmer – mit irgendwelchem Süßstoff igittigitt.

Aber ich schweife etwas ab.

Jedenfalls bekommt man im Fachhandel sogar die Samen. Und nun komme ich endlich zum Punkt und zum Eigenanbau.

Den habe ich also 2024 und 2025 vorgenommen. Es entstehen im Kübelanbau auf der Terasse schöne Pflanzen von etwa bis 1,5 m Höhe, breit buschig. Im Freiland und im Gewächshaus ist es nicht großartig anders. Pro Pflanze kann man etwa 10-15 Schoten ernten. Die sehen genauso aus wie aus der Sauerkonserve bekannt, Apfelform, hell Schwefelgelb, 4 – 8 cm im Durchmesser. Lässt man sie an der Pflanze und erntet sie nicht, färben sie sich nach mehreren Wochen plötzlich kräftig orange ein. An Geschmack oder Konsistenz ändert sich dabei nichts. Die Reife scheint auch vorher schon in hellgelb erreicht. Soweit ich mich erinnere keimten die Samen wieder. Oder hatte ich nur von orange genommen? Hm.

Die Schoten sind dickfleischig wie eine Gemüsepaprika und auch so in der Härte und Knackigkeit. Trennt man die Scheidewände komplett heraus ist das Fruchtfleisch praktisch frei von Schärfe, aber leider auch recht charakterlos. Isst man sie komplett, ist es ein hübsch scharfer Gemüsesnack. Aber leider haben sie nichts vom beispielsweise herrlichen Paprika-Aroma einer Habanero. Es sind einfach recht charakterlose Gemüsepaprika mit einer gewissen Schärfe. Zumindest unter der Thüringer Sonne.

Ihre volle Schlagkraft entfalten sie erst, wenn sie von einem Ungarn für den Winter sauer eingelegt werden. Weil ich das korrekte Verhältnis von Essig, Wasser, Hitze und Kochdauer nicht weiß und mir das sowieso zuviel Arbeit ist, werde ich den Anbau wohl nicht fortsetzen. Sondern weiter beim Fachmann bestellen.

Die guten aus Ungarn sind eine sehr leckere Alternative zu Sauren Gurken oder zu Gewürzgurken und ein schönes Winter-Snackgemüse.